4. Herren: TTV Hamborn 2010 IX <-> TTS Duisburg IV

NĂ€chste Haltestelle: Hamborn Rathaus, krĂ€chzt es durch die Lautsprecher der Straßenbahn. Ich steige aus. Hamborn also. Genauer: Alt-Hamborn, ein Stadtteil im Norden Duisburgs. Das erste AuswĂ€rtsspiel im neuen Jahr 2016. Ich spiele Tischtennis in der 3. Kreisklasse und die RĂŒckrunde hat kĂŒrzlich begonnen. Die 3. Kreisklasse ist im deutschen Tischtennis in etwa das, was im Fußball die Kreisliga C ist. Ein Abstieg ist nicht mehr möglich.

Mein Ziel ist irgendeine gottverdammte Turnhalle einer Grundschule in der JĂ€gerstraße hier in Alt-Hamborn. Wie auch immer diese SportstĂ€tte wohl aussehen mag. Ich schlendere durch eine Standard-Einkaufsmeile und ĂŒber den alten Marktplatz vorbei an einer urigen Ruhrpottkneipe. „Markt Krone.“ Sie hat geöffnet. Das muss ich hier erwĂ€hnen, weil das in Duisburg nicht unbedingt die NormalitĂ€t ist. In Hamborn, erzĂ€hlte mir ein Freund und gebĂŒrtiger Ureinwohner Hamborns, war mal richtig Halligalli. Er meinte natĂŒrlich die Zeit in der im ganzen Ruhrgebiet noch Halligalli war. Das ist Jahrzehnte her. Heute sterben in Duisburg so viele Kneipen wie in keiner anderen Stadt im Westen Deutschlands.
Mein weiterer Weg fĂŒhrt mich an einer Unterkunft fĂŒr GeflĂŒchtete vorbei. Es ist ruhig. Im Stadtteil nebenan, in NeumĂŒhl, macht ein rassistischer BĂŒrgermob seit Jahren gegen jede Unterbringung von GeflĂŒchteten mobil. Mein Verein, die TTS Duisburg, verwurzelt im Duisburger SĂŒden, lĂ€dt GeflĂŒchtete zum Tischtennis-Training ein. Wenig spĂ€ter passiere ich eine weitere GaststĂ€tte. „‚In Ruhe’ anspruchsvoll genießen“ steht ĂŒber der TĂŒr. Genießen kann man hier allerdings nur noch die schmucke Fassade von 1858. Ansonsten ruht die SchĂ€nke in Frieden. Und ich spiele Tischtennis.

Halligalli im Hamborn.

Die Halle der Grundschule ĂŒberrascht mich. Solide Umkleidekabinen. Und der Blick in die Dusche löst geradezu Euphorie aus: Schön gefliest, neu, sauber mit gleich mehreren funktionsfĂ€higen Duschen. Da habe ich in Walsum schon ganz anderes gesehen.

Meine Mannschaft, die 4. Herrenmannschaft der TTS Duisburg, sammelt sich im HerzstĂŒck einer jeden Sporthalle. Auch hier muss ich mir die Augen reiben. Des Lichtes wegen. Es ist gut, richtig gut. Sie leuchten die schicken blauen Tische umrandet von ebenso schicken blauen Banden ohne eine Spur der Zerstörung, vollends aus. Ich habe in der laufenden Saison noch nie, wirklich nie, so gutes Material gesehen. Beste Voraussetzungen fĂŒr einen harten Fight.

Nach den Doppeln sieht alles nach genau diesem harten Fight aus. Alle drei Doppel entscheiden sich erst im fĂŒnften und letzten Satz. Wir mĂŒssen zwei Niederlagen hinnehmen, können aber in einem irrsinnigen, dritten Doppel-Krimi dieses in der VerlĂ€ngerung des Entscheidungssatzes fĂŒr uns gewinnen.

Puh. Der war wichtig. Ganz wichtig.

Sonst liegt man hier trotz eines Spiels auf Augenhöhe gleich 0:3 hinten. Nun steht es 1:2 fĂŒr die MĂ€nner vom TTV – die sich gleich das erste Bier öffnen, wĂ€hrend ich zum ersten Einzel des Tages an den Tisch trete. Ja, ich spiele das erste Einzel des Tages, da unsere nominelle Nr. 2 ausfĂ€llt, ich als Nr. 3 aufrĂŒcke und dadurch direkt beauftragt werde gegen die gegnerische die Nr. 1 anzutreten.  Na dann wollen wir mal.
Der erste Satz lĂ€uft gut an. Ich bin da, ich bin wach, ich bin fit. Und ich kann mithalten. Der erste Satz ist eng aber er geht an mich. Im zweiten Satz kann ich mein Material nutzen. Aber nach einer 9:6 FĂŒhrung, kommt mein GegenĂŒber in Fahrt. Zwei Punkte in Folge.  9:8.

Time-Out.
Einatmen.
Ausatmen.
Wasser.
Schluck.
Noch ein Schluck.
Einatmen.
Ausatmen.

Scheisse, man dieser Satz ist so wichtig. Ich stelle das Wasser weg, gehe zurĂŒck an den Tisch. Mein GegenĂŒber schlĂ€gt auf. Mein Return ist gut. Hin und her. RĂŒckhand.

Punkt.
YEESS!
Satzball. 10:8.
Aufschlagwechsel.
Punkt.
Faust. 11:8. 2:0 in SĂ€tzen.

Komfortabler kann eine Spielsituation nicht sein. Sie kennen das. Mein GegenĂŒber auch. Er versucht es im dritten Satz mit allem, mit aller Gewalt. Ich fĂŒhre schnell haushoch. Sein Frust wird sichtbar, hörbar. Ich halte den Ball im Spiel. 5 Punkte gebe ich ab. Dann schnellt die Faust nach oben. 3:0. Drieizunull. Ich habe soeben die Nr. 1 vom Tisch gefegt. Unser Einser macht es mir gleich und fĂ€hrt den nĂ€chsten Sieg nach Hause. Wir fĂŒhren jetzt insgesamt 3:2.

WĂ€hrend die nĂ€chsten Spiele laufen unterhalte ich mich mit Hartmut und Klemens. Klemens wurde neulich 75 Jahre jung. Der Verein TTV Hamborn ist noch keine 6 Jahre alt. Der TTV ist das Produkt einer Fusion zweier Hamborner Sportvereine, wie ich erfahre: Dem TTC Olympia Hamborn und dem Post SV Siegfried Hamborn. „Post ist ein uralter Hamborner Verein“, erzĂ€hlt mir Klemens. Aber die dortigen TischtennisspielerInnen strebten nach UnabhĂ€ngigkeit von der Fußballabteilung des selben Vereins. Und Olympia krankte unter chronischem Mitgliedersterben. So tat man sich zusammen. „Das war ganz toll, ja!“, schwĂ€rmt Klemens, nun der GerĂ€tewart im neuen TTV, und drĂŒckt mir das aktuelle Vereinsheft in die Hand. „TTV – TopSpin“. Es verspricht „Daten – Fakten – Neuigkeiten“ und beinhaltet neben Anzeigen lokaler Fliesenleger, Dachdecker und KfZ-Mechaniker Kurioses, Mannschaftsberichte und Siegerehrungen. Zum Beispiel fĂŒr Hartmut. Der hat nĂ€mlich kĂŒrzlich bei den „Deutschen Meisterschaften im Tischtennis fĂŒr Senioren des Behindertensportverbandes in der Klasse fĂŒr Allgemeinbehinderte ab 69 Jahren den 2. Platz geholt“, wie es da heißt.
Neben dem TTV Hamborn spielt Hartmut auch noch fĂŒr den Betriebssportverein des Chemiewerks Grillo, hier gleich um die Ecke. „Bei Grillo spielt aber nur noch einer aus dem Betrieb“, erklĂ€rt er. „Andere Sportler aus dem Betrieb selbst, sind weggestorben“.

Es sterben also nicht nur Kneipen in Duisburg-Hamborn, denke ich mir. WÀre TTC Olympia Hamborn den Schritt nicht gegangen, lÀge auch dieser Verein im Sterben.

In der Zwischenzeit haben wir fĂŒnf Einzel in Folge verloren. Und ich darf wieder an den Tisch. Gegen Hartmut. Enge Kiste. Im dritten Satz liege ich 10:7 zurĂŒck. Ich kĂ€mpfe, ackere. 10:10. Dann schlĂ€gt Hartmut zu. 14:12 fĂŒr ihn. Scheisse. Ich blicke einem 1:2-SatzrĂŒckstand ins Auge. Im vierten Satz schlĂ€gt NervositĂ€t in Verzweiflung um. Ich schaffe es nicht mehr. Die sechste Niederlage in Folge. Vier davon 1:3; zweimal 2:3.

Drei folgende Siege fĂŒr uns können das Spiel nicht mehr drehen. Nach 15 Matches, 63 gespielten SĂ€tzen, 1.197 gespielten Punkten und ungezĂ€hlten Time-Outs mĂŒssen wir eine knappe 9:6-Niederlage akzeptieren. Ich bekomme ein KöPi geschenkt und darf dem Spielerkreis der Hamborner zusehen. Wir verabschieden uns in die Nacht.

Ich fokussiere mein nÀchstes Ziel: Kneipe.

 

F.G.

 

Hier gehts zum Original-Blog: https://www.freitag.de/autoren/felixg/rueckrundenstart-in-der-3-kreisklasse

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